19.01.2011 - Mit der Alpglocke ins Schlachthaus

Wenn Franz-Heiri Furrer seiner zur Schlachtung freigegebenen Kuh eine Glocke umhängt, dann rechnet diese mit dem Umzug an einen besseren Ort. Dies ist für ihn der Grund, der Kuh einen würdigen Abgang zu ermöglichen.

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Man mag hinter einer Kuh nur die wirtschaftliche Seite sehen. Dann gehört eben der Gang in den Schlachthof dazu. Niemand weiss aber mit Sicherheit, ob das Tier den letzten Gang nicht ahnt und wie es ihn allenfalls ahnen könnte. Dies spielt aber bei Franz-Heiri Furrer nicht die Hauptrolle, dass er einzelne Kühe mit dem Umhängen der Alpglocke zum Schlachthof führt. Angefangen hatte alles vor rund sieben Jahren, als ihm eine Kuh einfach nicht richtig laufen wollte. Der Grund lag nicht darin, dass sie den Weg ins Schlachthaus geahnt hätte, wie er herausgefunden hatte, sondern dass es nicht wie beim üblichen Alpaufzug war. Die für die Kühe aufregende Alpfahrt nach Riemenstalden und hinauf zum Spilau löst bei den Kühen nämlich einen Adrenalinkick aus, wenn die Alpglocken umgehängt werden. Dies machte sich Franz-Heiri Furrer bei der nächsten Kuh zu Nutzen, die er in das Schlachthaus führen musste. Da die Richtung ungefähr stimmte, hatte die Kuh mit der Glocke das Gefühl, dass es auf die Alp gehe und marschierte deshalb problemlos auf ihrem letzten Gang. Seither wendet er jedes Jahr ein bis zweimal diesen Trick an, wenn er die Kuh, deren Fleisch er für den Eigengebrauch benötigt, ins Schlachthaus zu Walter Herger führt. Die andern zu schlachtenden Tiere kommen wie üblich in Transportern nach Rothenturm.

Mir ist egal, ob man mich manchmal belächelt

Der 48 jährige Franz-Heiri Furrer-Gisler führt mit seiner Frau Agnes und vier Kindern einen 6,8 Hektaren grossen Betrieb beim Feldli in Altdorf mit Pachtland, Alpwirtschaft und Alpbeizli am Spilauseeli. Hier ist zu seinen 17 Kühen eine engere Beziehung besser möglich als in einem Grossbetrieb. Vor allem in der Alpzeit, sei diese wichtig, da das Tier merken müsse, wenn man ihm in einer schwierigen Situation helfen könne. Solche seien auf einer Alp häufiger als im Talboden. Wenn man die Tiere locke, müssten sie wissen, dass ihnen eventuell geholfen werde. „Wenn ich den Kühen die Glocke umhänge, wissen sie, dass es an einen bessern Ort geht. Warum soll ich dies also nicht nützen, wenn ich leider mit einer Kuh in den Schlachthof muss?" meinte Franz-Heiri Furrer. Dabei möchte er keinesfalls als sentimental gelten. Die Massnahme habe aber für beide Seiten Vorteile und deshalb sei ihm egal, ob ihn jemand vielleicht belächle. Anderseits hat er auch schon deswegen positive Rückmeldungen erhalten, was ihn natürlich freute.

Das Töten von Kühen ist mir nicht gleichgültig

Franz-Heiri Furrer ist sich bewusst, dass Nutztiere irgendwann getötet werden und dass nicht alle Bauern ihre Kühe mit Glocken zur Schlachtung führen können. Würde er seine Tiere in Transportern auf die Alp fahren, würden sie den Adrenalinkick vor der Alpfahrt weniger intensiv erfahren als vor dem sechsstündigen Marsch. Aus diesem Grund kennen sie das Umfeld und die Richtung ganz genau, wenn es auf die Alp geht. Auf die Frage, ob es dann nicht härter sei, von einem liebgewonnenen Tier Abschied zu nehmen, bejahte er dies. Besonders den Kindern mache es jeweils arg zu schaffen, wenn sie von ihrer liebsten Kuh Abschied nehmen müssten. Grosse Mühe hatte seine Tochter Sabina damit, als eine ihrer selber benannten Zwillingskühe Hanny und Nanny dran glauben musste. Im Gegensatz zu vielen Stadtkindern ist dies aber auf dem Bauernhof Alltag. Man wächst damit auf und versteht auch besser, solche Situationen zu meistern. Doch trotz aller Alltäglichkeit sei es jedes Mal schwer, sich von einer lieb gewonnen Kuh zu trennen, meinte Franz-Heiri Furrer.

Der Tag X für Hanny

Leider musste vor einer Woche nun Hanny ihren letzten Gang antreten, weil sie nicht mehr tragen wollte. Frohgemut und wohl wissend, dass es an einen besseren Ort gehe, schwang Hanny ihre Glocke, die ihr üblicherweise für die Alpfahrt umgehängt worden war. Es gab keinerlei Widerstand und keinerlei Vorahnung. Franz-Heiri hatte ihr lediglich den freudigen Adrenalinkick für eine mögliche Alpfahrt geschenkt und damit etwas getan, was sich Tierhalter ganz allgemein merken sollten. Fröhlich reihte sich Hanny am Freitag Morgen um sieben Uhr beim Schlachthaus bei den andern bedauernswerten Tieren ein, nichts ahnend, was ihr an diesem Tag noch bevorstehen sollte. Etwas traurig löste Franz-Heiri die Glocke vom Hals und begab sich allein nach Hause. „Hast du gesehen, wie schön sie gelaufen ist", meinte er nach einem letzten Blick zu seinem Hanny.

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Bilder von der Alp

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